The SOMLib Digital Library Project

Experiments - DerStandard

(These articles were kindly provided by the Daily Austrian Newspaper Der Standard)


"Dr.Wiles-Worris - Weil's woah is"
DER STANDARD
Freitag, 12. November 1999, Seite D3
Rondo


"Dr.Wiles-Worris - Weil's woah is"

Das Museum für Angewandte Kunst zeigt das durchdachte Plakatwerk des ersten Grafik-Designers und Multitalents Julius Klinger - ein Stück optische Alltagskultur

Im Angesicht dessen was uns heutzutage so alles von unzähligen Plakatwänden entgegen glotzt

, fällt es dem an Konsumwahn gewöhnten Zeitgenossen wohl schwer, am Begriff der Plakatkunst anzudocken. Dass dies nicht immer so war, zeigt die Schau "Das Chaos der Künste" des Wiener MAK, welche beweist, dass mit dem Medium Plakat vor allem in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts bei weitem nicht so schleißig und schnelllebig verfahren wurde.

Sehr ernsthaft und philosophisch näherte sich der leider weitgehend vergessene Österreicher Julius Klinger dieser Art von Werbeträger - seine Plakate, Fassadenwerbungen und gebrauchsgrafischen Arbeiten wie Menü-oder Visitkarten zeigen sensible Spaßigkeiten, kokette Anspielungen und entwickeln sich zu zweckverbundener formalisierter Sachlichkeit.

Gerade weil das Plakat Anfang dieses Jahrhunderts eine junge Kunstform war, die im Gegensatz zu anderen Disziplinen auf keine wirkliche Tradition zurückblicken konnte, war es wohl auch notwendig, dass sich die Künstler selbst sehr stark an einem kunsttheoretischen Diskurs beteiligten. Der 1876 in Dornbach geborene Klinger tat dies durch zahlreiche Vorträge und Pubklikationen, etwa die "Mitteilungen des Vereins für Plakatfreunde", in denen er eine strikte Trennung zwischen Plakat und Malerei in folgendem Sinne fordert: "Zwischen einem Staffeleibild und einem Plakat können und dürfen keinerlei Beziehungen stehen." Weiters bezeichnete er die Malerei als "farbige Entartung der Zeichnung" und zeigt somit vorreitermäßig, wie weit es diese Form der Kunst für ihn gebracht hatte.

Der Funktionalist Klinger, der selbst Privatschüler Kolo Mosers war und sich wie Adolf Loos gegen "jede Form, die nicht Gedanke ist" wandte, brachte seine Philosophie gegen die reine Dekoration aber auch als Lehrender unter die an dem neuen Medium Interessierten. 1911 übernahm er eine Klasse an der Kunst- und Kunstgewerbeschule Reimann in Berlin und zwei Jahre später wurde er künstlerischer Leiter der Fachschule für Dekorationskunst, in der auch der Deutsche Werkbund seine damals fleißigen Finger hatte.

Von Klinger gefordert wurde etwa auch die Modernisierung der Künste - der Maler solle sich als "Diener der photomechanischen Reproduktion" verstehen, und als Objekte der reinen Kunst seiner Zeit sah er den Zeppelin, Ozeanriesen und Wolkenkratzer.

1923 veröffentlichte Klinger gemeinsam mit der von ihm mitbegründeten "Wiener Gruppe" ein Musterbuch zur Gebrauchsgrafik namens "Poster Art in Vienna", welches auch in den USA publiziert wurde. Keckes Detail am Rande: Klinger schrieb unter dem Pseudonym "Dr. Wiles-Worris", im Klinger'schen Sinne mit "weil's woah is" übersetzt. Zu den "Göttern" dieser Gruppe, zu der auch Wilhelm Wilrab, Hermann Kosel und Rolf Frey zählten, wurden Charlie Chaplin, Karl Kraus und Charles Martin auserkoren - "Chaplin, weil er von Hollywood aus selbst die ernsten Chinesen zum Lachen brachte, Kraus, weil er auf ewige Zeiten die Wahrheit über unsere Tage für die nächsten Generationen niedergeschrieben hat, und der Pariser Charles Martin, der durch seine zartfühlende Linie die amerikanischen Modewelt beeinflusste".

Amerika wurde während der 20er und 30er Jahre zum Traumland für die damaligen Werber

in Österreich. Nachdem der Kreative im Dezember 1928 von der Mac Manus Inc. und General Motors zu einer Reise in sein vermeintliches Paradies USA eingeladen wurde, merkte er flott, dass sein ursprüngliches Amerikabild ein sehr theoretisches und idealisiertes war und dass dortige Gegebenheiten lediglich skeptisch und gründlich reflektiert als Vorbild herhalten durften.

Mehr als kritisch polemisierte Klinger gegen manch heimisches künstlerisches Ereignis. So schreibt er etwa 1928 über ein von den Architekten Frank und Walch gestaltetes Damenzimmer, dass das "Wesen, für welches die beiden Raumpoeten dies Interieur erdichtet haben" nur eine "Funsen!" sein könne, und die von Berthold Löffler entworfene Zehnschilling-Note nennt er glatt einen "missfarbigen Bastard", der bestenfalls von einem von "allen Grazien verlassenen Fälscher" kopiert würde.

An seinem traurigen Ende - das letzte Plakat entwarf der Künstler 1938 für "Ankerbrot" - wurde auch Julius Klinger ein Opfer der Nazis, die ihn im Jahre 1942 umbrachten, nachdem er gemeinsam mit 996 Juden nach Minsk deportiert worden war. Michael Hausenblas []

Julius Klinger - Das Chaos der Künste, bis 28. November im Museum für Angewandte Kunst, Kunstblättersaal, Stubenring 5, 1010 Wien


© DER STANDARD, 12. November 1999
Automatically processed by COMLAB NewsBench


Up to the SOMLib Digital Library Project Homepage

Comments: rauber@ifs.tuwien.ac.at