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(These articles were kindly provided by the Daily Austrian Newspaper Der Standard)


An den Rändern des Machbaren
DER STANDARD
Dienstag, 6. Juli 1999, Seite 11
Kultur


An den Rändern des Machbaren

"Randzonen" standen im Mittelpunkt des oberösterreichischen "Festival der Regionen"

Linz - Nebst massenwirksamen Großspektakeln plazierten die Programmjuroren in Oberösterreich auch heuer wieder einige Projekte, die mittels Anbindung an kommunale Strukturen zeitgemäße Kunst aus ihren ghettoisierten Wirkungsstätten hinaus- und ins pralle Leben hineintragen sollen.

Als Austragungsorte kamen diesmal zwei Ghettos ganz anderer Art zum Zug: Der Hartlauerhof am Ortsrand von Asten stand im Mittelpunkt von Resocycling. Was seine geographische wie soziale Lage betrifft, stellt er den idealtypischen Standort des Festivalmottos Randzonen dar. Ulrich Volmer arbeitet hier im Rahmen der Caritas mit arbeitslosen Männern ohne Obdach.

Resocycling wollte unter Mitwirkung eines Künstlerquartetts den Hof ins Zentrum der örtlichen Aufmerksamkeit rücken und darüber hinaus die lokale Bevölkerung zum Nachdenken über Asten, das vom Müll abwärts so ziemlich alle Merkmale einer Problemgemeinde in peripherer Großstadtlage in sich vereint, anregen. Die akustische Ortsvermessung von Fadi Dorninger lud bei der Präsentation am vergangenen Wochenende zu einem Hörgang durch Asten ein. Ella Raidel fing mit der Kamera ihre Asten-Bilder ein, um sie mit Archivaufnahmen zu kontrastieren. Den kommunikationsorientierten Part bekamen Ulrike Schörkl und Chris Wessels zugewiesen. Während der Schrottkünstler Wessels im Garten des Hartlauerhofs unter zeitweiser Mitwirkung der dortigen Klientel seine Container zusammenschweißte, entwickelte die Bildhauerin Schörkl in Zusammenarbeit mit verschiedensten "Randgruppen" eine Installation, die im Ergebnis sowohl ästhetische als auch sozialpädagogische Qualitätskriterien bedient.

Die Präsentation am Freitag entwickelte sich zur Farce. Zwischen betrunkenen Zaungästen und spärlichem Publikum wurden Teile der Arbeiten am Astener Marktplatz vorgeführt. Nicht Annäherung durch Verstörung, vielmehr verdichtete Hilflosigkeit zweier Welten, die eine gemeinsame Sprache nicht finden können, prägte das Bild. Schauplatzwechsel.

Bei 33 Grad im Schatten machte das Rolling Art Kegelturnier am Samstag nachmittag vor dem Leondinger Freibad Station. Nur mit viel Mühe waren die sonnenhungrigen Vorstädter aus ihren Liegestühlen zu bewegen, um gegen den Neoliberalismus aufzukegeln. Glasfieber, initiiert von der Stadtwerkstatt, tourte die ganze Woche über durch die Linzer Suburbs. Mit einer Stahlkugel galt es, möglichst viele der neun Glasflaschen am Ende der Rollbahn zu zertrümmern. Sieger Franz Lichtenberger durfte sich zwischen einem Grundeinkommen von 10.000 Schilling monatlich für ein ganzes Jahr oder einer Lebensversicherung entscheiden. Lichtenberger entschied sich sofort für das Jahreseinkommen. Das theoretische Beiwerk zu Glasfieber, die Auseinandersetzung mit der wachsenden Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern globalisierter Wirtschaftsstrukturen, wurde bereits zuvor mittels Podiumsdiskussion in der geschützten Stadtwerkstatt abgehandelt.

Daß Randzonen erst nach Auswahl der Projekte zum Motto erkoren wurde ist symptomatisch für die Krise des alle zwei Jahre durchgeführten Projektreigens in Oberösterreich. Wenn die Gegenstände anfangen, sich durch und über Methoden definieren oder diktieren zu lassen, so hat das dem kreativen Impetus einer Schaffenskultur noch nie gute Dienste geleistet. Wollen die Veranstalter des "schrägsten Festivals Europas" (Der Spiegel) nicht im stromlinienförmigen Mainstream einer hybriden (Re-) Präsentationskultur untergehen, werden sie spätestens heute beginnen müssen, über 2001 nachzudenken.
Josef Bichler


© DER STANDARD, 6. Juli 1999
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