Experiments - DerStandard
(These articles were kindly provided by the Daily Austrian Newspaper Der Standard)
"Er war Freud verfallen, auf religioese Weise"
DER STANDARD
Freitag/Samstag/Sonntag, 30. April/1./2. Mai 1999, Seite A7
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"Er war Freud verfallen, auf religioese Weise"
In der "Psychischen Selbstbiographie" analysiert Hermann Broch seine eigenen Schwaechen. Von Christina Bylow
Wie einen "grossen, schoenen Vogel, aber mit gestutzten Fluegeln" sah Elias Canetti den um zwanzig Jahre aelteren Hermann Broch. Im Sommer 1932 waren sie sich in Wien zum ersten Mal begegnet. Canetti las aus seinem Drama Hochzeit, Broch, dessen Romantrilogie Die Schlafwandler Canetti verehrte, befand sich im Publikum. "Sein Schweigen war eindringlicher als das der anderen", notiert Canetti mehr als ein halbes Jahrhundert spaeter in seinem Erinnerungsbuch Das Augenspiel.
Unter den physiognomischen Portraets, die Canetti hier entwirft, ist das Hermann Brochs am weitesten von der Anekdote entfernt. Es fiel ihm schwer, ueber Broch zu schreiben. In der Rueckbesinnung durchkreuzen sich Bewunderung und eine fast ueberhebliche Nachsicht fuer die "Schwaechen" Brochs. Als fatalste galt ihm dessen Glaube an die Psychoanalyse. "Broch war Freud wirklich verfallen, auf religioese Weise ... er war von Freud durchdrungen wie von einer mystischen Lehre." Canetti, der die "psychoanalytische Verseuchung" dieser Jahre schmaeht, geniert sich fuer den anderen.
So unzuverlaessig das Bild sein mag, das ein Schrifsteller vom anderen zeichnet - Hermann Brochs jetzt erstmals veroeffentlichte Psychische Selbstbiographie bestaetigt Canettis Beobachtung. In diesem 1942 in Princeton niedergeschriebenen Text spannt sich Broch selbst ins Koordinatensystem der Psychoanalyse. Ein Text, der gleich in doppelter Ausfertigung in den Broch-Nachlaessen in Yale und im Deutschen Literaturarchiv in Marbach lag. Das Zwillingsdasein hat seinen Grund. Die Psychische Selbstbiographie hatte, wie jede private Mitteilung Brochs, konkrete Adressaten. Broch, der ein obsessiver Brief-, aber kein Tagebuchschreiber war, legte den Text seinen Briefen an zwei Frauen bei. Die eine, die Grafikerin Anne Marie Maier Graefe (1910-1994), wird er sieben Jahre spaeter heiraten, die andere, die Journalistin Ruth Norden (1906 -1977), lebte nach der Rueckkehr aus dem Exil in Berlin. Mit beiden Frauen hatte Broch zur selben Zeit eine Liebesbeziehung. Dass die Verbindungen selbst nicht aufscheinen, betont den exemplarischen Charakter des Selbstportraets; die Tatsache, dass es Adressatinnen gab, bestimmte das Genre: Die Psychische Selbstbiographie ist ein Frauen-Abschreckungs-Text, vielleicht der frappierendste, den es in der deutschen Literatur dieses Jahrhunderts gibt.
Gleich zu Beginn des gut 90seitigen Typoskripts, das in der Suhrkamp-Ausgabe durch die bereits veroeffentlichte Autobiographie als Arbeitsprogramm ergaenzt wird, praepariert Broch die innere Logik seiner erotischen Verhaeltnisse heraus: "In dem fuer meine Kraefte offenbar zu grossen Aufgabenkreis, den ich mir eingerichtet habe, ist fuer das sogenannte Leben kein Platz zu finden, und so haben sich nur Zufallsbindungen ergeben koennen, mit denen die immerhin vorhandene Sinnlichkeit zu befriedigen war, und diese Bindungen waren dann eben jene, in denen ich gewaehlt worden bin, anstatt selber zu waehlen. M.a.W., der Partner wird akzeptiert nicht um seiner selbst willen, sondern weil er mit seiner Liebesbereitschaft eben gerade vorhanden ist und zur Potenzbestaetigung verwendbar gemacht werden kann. Doch wenn der Nebenmensch nicht mehr als solcher Zweck ist, sondern zum Mittel herabgewuerdigt wird, so raecht sich dies meistens; es entstehen ihm gegenueber Schuldgefuehle, welche wiederum mit moralischen Verpflichtungen abgetragen werden muessen."
Jedes urspruenglich nicht fuer die Oeffentlichkeit bestimmte Bekenntnis muss sich die Frage nach seinem Wert fuer den anonymen Leser stellen lassen. Weist es zurueck auf das Werk, hat es dokumentarischen Wert und literarische Qualitaeten oder bleibt es nur Kuriositaet, versehen mit der Signatur eines grossen Namens, dem wichtigtuerisch das Siegel des "Geheimtips" verpasst wird. Auch damit hatte Canetti angefangen: In seiner Nobelpreis-Rede von 1980 nannte er vier Schriftsteller, die ihn beeinflusst hatten, den Nobelpreis aber nie bekamen. Robert Musil, Franz Kafka, Karl Kraus und Hermann Broch. Die Rollen hatten sich umgekehrt. Der juengere, einst Protege Brochs, machte sich nun zum Vehikel fuer den Aelteren.
Broch hatte die Empfehlung noetig. Er ist, trotz aller akademischen Ausleuchtung seines Werks, geblieben, was sein Herausgeber und Biograph Paul Michael Luetzeler konstatiert hat: Ein "author's author", gelesen von Schriftstellern. Einer, dessen Rezeption nicht zuletzt durch das Exil torpediert wurde, bis hin zu solche n Zufaellen wie dem Streik der Zeitungsaustraeger ausgerechnet an dem Tag, als Brochs Roman Der Tod des Vergil in der New York Times Book Review besprochen wurde.
Um Broch scharte sich nie eine Gemeinde, aber er hat noch immer Leser, die sich an die Experimente wagen, die Broch mit dem Roman unternahm. An Die Schlafwandler, 1930 bis 1932 erschienen, in denen Broch das Thema des Wertzerfalls in einer Synthese von sinnlicher Prosa und philosophischer Abhandlung durchdringt. An den Fragment gebliebenen Roman Die Verzauberung, eine 1935/36 entstandenen Parabel zur Massenhysterie. An Der Tod des Vergil, episches Gedicht und Abgesang auf die Dichtung.
Das umfangreiche theoretische Werk, die unvollendete Massenwahntheorie - jener zweite Strang seiner Produktivitaet, der ihm gegen Ende seines Lebens immer wichtiger schien, wird kaum noch wahrgenommen. "Wenn ich Romane schreibe, habe ich das Gefuehl der Verantwortungslosigkeit", teilt Broch einem seiner unzaehligen Korrespondenzpartner mit. Hannah Arendt, mit der Broch in den Nachkriegsjahren befreundet war, praegte das Bild vom "Dichter wider Willen". Wenn auch die Formel nicht ganz stimmte, so war Broch in jedem Fall ein Theoretiker gegen seine eigene Neigung. Lust und Pflicht, Zwang und verstohlenes Glueck - das sind die Konstanten, zwischen denen Broch in der Psychischen Selbstbiographie sein emotionales Leben und seine Kreativitaet ausmisst.
Die Anamnese folgt der Terminologie Freuds. Die Kindheit wird als Serie von "Traumen" beschrieben, eine kalte, herrische Mutter enthaelt dem aeltesten Sohn jede Zuneigung vor, die Eifersucht auf Bruder und Vater schildert Broch als ein fast todbringendes Drama. Dem in der Kindheit eingepflanzten "fuerchterlichen Inferioritaetsgefuehl" folgt mit neun Jahren das "platonische Erlebnis", ein ploetzliches Bewusstwerden nicht nur der vollkommenen Einsamkeit, sondern auch der Gewissheit, die Welt in Gedanken neu erschaffen zu koennen. "Der Einzelgaenger, der Un-Mann voller Minderwertigkeitsgefuehle wurde damit ploetzlich zum gedanklichen 'Weltenschoepfer'." Und Broch scheut sich nicht, das kulturstiftende Potential der Neurose ins Allgemeingueltige zu erheben. "Ich habe also", raesoniert Broch, "manchen Anlass, meiner Neurose recht dankbar zu sein; ohne sie waere ich den Weg der Triebsublimierung, den ich gefunden habe, wohl niemals gegangen."
Broch hat die psychoanalytische Behandlung niemals als Gefahr fuer die eigene Produktivitaet betrachtet, noch hat er sie als Befreierin aus schoepferischen Blockaden gefeiert. Er hatte, auch das laesst sich aus der "Psychischen Selbstbiographie" herauslesen, ein fast naives Verhaeltnis zu ihr. Sie gab ihm das Instrumentarium zu ausgedehnter Selbstbespiegelung an die Hand, und nur hier erlaubte er sich dies. Die Frauen, denen dieser Text zukam, stehen nur als Scheinoeffentlichkeit Spalier. Es bleibt ihnen hoechstens ueberlassen, sich in Brochs Weiblichkeits-Typologie einzuordnen, die ihn als Sohn des Fin de Siecle ausweist. "Der erste Typus ist in starker Idealisierung nach dem Bild der Mutter geformt. Er umfasst Frauen in gehobener sozialer Stellung , 'dekorative Frauen', die einerseits durch Hochwuechsigkeit und Schoenheit auffallen, andererseits sich durch eine Art Befehlsgewalt durchzusetzen verstehen... Der zweite Typus ist im Gegensatz zum ersten, der gewissermassen den der 'gnaedigen Frau' im Haushalt meiner Jugendzeit repraesentiert, nach dem Bild des 'Dienstmaedchens' geformt, dies umsomehr als auf dieses meine ersten, mehr oder minder bewusst gewesenen erotischen Wuensche gerichtet gewesen waren, da mir ja von meinen Bonnen und den Dienstmaedchen jene Zaertlichkeit zuteil geworden war, die meine Mutter immer nur fuer meinen Bruder uebrig gehabt hatte."
Waehrend das "Es" sich mit dem zweiten Typus zufriedengibt, draengt das Ueber-Ich nach dem ersten, und es bleibt, bei aller "herabgeminderten Liebesfaehigkeit" das Hoffen auf eine "Wunderfrau", auf ein Wesen, das sich "dieselben hoch- und uebergesteckten Ziele (setzt), in aeusserster Persoenlichkeits- und Erkenntnisentfaltung nach innen und in aeusserster Loyalitaet nach aussen." Da ihm diese ideale Gefaehrtin nicht einfach ueber den Weg lief, unterwarf er seine Geliebten einer "Umformung". Zum "neuen Menschen" sollten sie "wiedergeboren werden." Es ist das Eingestaendnis einer ungeheuren Anmassung - der Erziehungsgewalt ueber die Frau. Der paedagogische Furor erinnert an Kafkas Lektuerevorschriften fuer Felice Bauer und an Kleists "grosse Idee" von der Gattin, die er seiner Verlobten vorhaelt. Nur fehlt hier die aeusserste Blossgelegtheit, mit der Broch den Frauen entgegentritt.
Brochs Selbstbiographie ist das Paradox eines Textes, der Intimstes mitteilt, und dabei groessten Abstand haelt zu sich selbst. Ein Bekenntnis im Substantiv-Stil eines gebildeten kakanischen Buchhalters. Nichts findet sich hier von der Aura der schwebenden, leuchtenden Prosa seiner Erzaehlung der Magd Zerline, der letzten, die Broch geschrieben hat. Wohl laesst sich die Spaltung der Frauenfiguren in sinnliche Dienstmaedchen und "frigide" Edelfraeuleins auch in seinem Werk nachvollziehen. In diesen Passagen ist die Selbstbiographie eine Variation auf die klassische, Otto-Weininger-gespeiste, misogyne Maennerphantasie von der Heiligen und der Hure, der Mutter und der Madonna.
In ihrer Substanz aber ist sie das Protokoll eines Scheiterns , das sich schon ausser jeder Hoerweite vollzieht. Ein Dokument, das von der Einsamkeit des europaeischen Emigranten erzaehlt, der sich inmitten amerikanischer Campus-Kuenstlichkeit immer wieder selbst zurufen muss, wer er ist und woher er kommt. Die Psychische Selbstbiographie Brochs ist das Zeugnis einer Selbstvergewisserung - in einer Ueberlebenslage, in der sich andere abhanden kamen. []
Hermann Broch, Psychische Selbstbiographie. Herausgegeben von Paul Michael Luetzeler. oeS 321,-/214 Seiten, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1999
© DER STANDARD, 30. April/1./2. Mai 1999
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