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Experiments - DerStandard

(These articles were kindly provided by the Daily Austrian Newspaper Der Standard)


- das ist wahre Brutalität
DER STANDARD
Samstag / Sonntag, 6. / 7. Februar 1999, Seite 39
Kommentar der anderen


Weiber, Weiber, Weiber, Weiber, Weiber, Weiber, Weib"

- das ist wahre Brutalität

Fortsetzung von Seite 38
Da handelt etwa das Genie-Werk Straußens op. 319, Leichtes Blut von irgendeiner Tante vom Land (ein "Drachen" offenbar), die unter Kaffee und Kuchen gesetzt wird, währenddessen irgendein Neffe ein Fenster mit einem Ball einschießt, der Familiensegen schief hängt und man nach einigen Drohungen die Tante wieder anbringt, das ist eben Lebensart und Frohsinn.

Oder - auch Neujahrskonzert (kaufbar allemal): Die Sängerknaben geben die gleich-geniale Polka Tritsch-Tratsch, op. 214, die Philharmoniker begleiten exzellent, man versteht zum Glück wiederum nichts; man würde den Text auch hier nicht begreifen, außer man ist Liebhaber/ in absurder Literatur. Da gibt's ("Wie geht's, wie steht's?") ein Sammelsurium von pseudo-wienerischen Versatzstücken des Hedonismus zwischen Kaffee-Häferl und Alltagsgemeinheiten. Alles steht aber (vergl. die Staatsopern-Weiber) in der österreichischen Hauptauslage (und die Zuhörer johlen und gebärden sich wie im Musikantenstadel).

Punkt 3, die Vorgeschichte: Musik und ihre (weitgehend unbekannt gebliebenen) Textierungen haben eine viel brutalere Tradition als landläufig anzunehmen wäre. Paradebeispiel im laufenden Strauß-Jahr: Wußten sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, über welche Lyrik ursprünglich etwa der Donauwalzer oder Wein, Weib & Gesang etc. komponiert wurde? Op. 314 An der schönen blauen Donau - den Text, den man kennt, er stammt aus einer Epoche 25 Jahre nach der Entstehung; denn ursprünglich, da war man sarkastisch, litt unter Königgrätz und schob, wienerisch pur, alle Schwierigkeiten den anderen in die Schuhe. Singend, im großen Herren-Chor.

"KronenZeitung" ...

Zuerst werden da die öffentliche Verwaltung, dann die Wohlhabenden, dann die Künstler und deren Frauen verunglimpft (man glaubt in kleinformatigen und bunten Boulevard-Zeitungen aus 1999 zu schmökern), dann beschimpft der Männerchor (in anderer Fassung) die Ausländer, dann kommt das übliche Maß an Antisemitismus ("Der Ring ist ein Juwel, dort wohnt ganz Israel; in zehn Jahren baun's bequem sich dort ein neues Jerusalem!"). So ist er eigentlich, unser Donauwalzer. Und er ist überhaupt kein Einzelfall. Wir lesen im Text (zeitgenössisch und Kompositionsbasis) für Wein, Weib & Gesang, op. 330/1868: "Martin Luther hat wirklich die Wahrheit gesagt, denn sonst hätt' das Konzil damals ihn nicht geplagt, als er sprach: Wer nicht liebt, Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang. Denn man braucht deshalb noch kein Luthraner zu sein, selbst der koscherste Jud liebt G'sang, Weib und Wein. Es hat Mohamed freilich den Wein confiziszirt, doch dafür hat er sich an den Weibern regressirt!" (So was sollte man sich einmal heute in einem Fundi-Land, egal welchem, zu schreiben oder zu singen trauen!). Und, diese Wiener und österreichischen Kultur-Aushängeschilder ließen sich beliebig bloß mit Strauß (der wahrscheinlich von der Aggression solcher Texte keinen Schimmer hatte, oder dem das alles ziemlich egal gewesen ist) fortsetzen.

... im Dreiviertel-Takt

Die Strophen zu Neu-Wien, op. 342 klingen in ihrem kaum verborgenen Fremden-, Künstler- oder Juden-Haß, als hätte der Herr Krone-in-den-Wind-Reimer gedichtet; Bei uns z'Haus, op. 361 sagt offen, daß man vor schönen Frauen Angst zu haben hätte und diese Angstmacher daher wohlweislich an den Herd fesseln müsse; bei Burschenwanderung op. 389, werden Frauen prae-coitiv bedrängt; in Klug Gretelein, op. 462 tatsächlich eine junge Frau im Wald vergewaltigt (das "Gretelein" geht übrigens post festum heim zur Frau Mama, die entsetzt meint, nur ja nicht die Schande publik werden zu lassen, doch dem Gretelein gelingt es sowieso, den Vergewaltiger als Bräutigam zu stellen mit der Männerphantasie-Vergewaltigungs-Masche, es habe ihr da draußen ("im Busch und voll Todesangst" [sic] trotzdem einen ungeheuren Spaß gemacht.)

Punkt 4: Was lernen wir daraus? Erstens, nichts. Zweitens, Österreichs Kultur und Kultur-Tradition und -Pflege sind noch viel seltsamer, verstiegener, als je vermutet und bedacht. Drittens (jetzt einmal und schlußendlich doch noch ordentlich die politische und soziale und partnerschaftliche Correctness zusammengeschüttelt), drittens also lernen wir, daß - vielleicht - die "Witwen"-Männer und die Unsinn krähenden Sänger-Buben und die Basis der berühmtesten Walzer der Musikgeschichte eines gemeinsam haben, sie sprechen - vielleicht - die Wahrheit aus, reden über die Befindlichkeiten der Menschen hier, alles froh und selbstsicher hinausposaunt in alle Welt.

Und das aufrechte Häufchen jener mit der politischen und sozialen und partnerschaftlichen Korrektheit weiß daraufhin höchstens ein wenig mehr über jene seltsame, uns offenbar stets umschwebende List der Vernunft.

Otto Brusatti ist Leiter der Musiksammlung der Stadt Wien, Autor, Ö1-Moderator, und Gestalter der Großausstellung zum Johann-Strauß-Jubiläum in diesem Jahr.


© DER STANDARD, 6. / 7. Februar 1999
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